Alexander Schwehm, Hans Wagner, Ursula Baus, Theophil Gallo, Ulli Meyer, Daniel Kempf; Foto: Iris Maurer

Über ein (mögliches) Revival der Provinzen im digitalen Zeitalter referierte Ursula Baus in ihrem pointierten Vortrag für die Stiftung Baukultur Saar am 23. August in St. Ingbert. Gängige Meinungen über die Gegensätze von Stadt und Land teilte sie dabei nicht. „Mit Klischees und falschen Gegensätzen argumentieren und hantieren leider viele Strategen, die eigene, in der Regel wirtschaftliche Interessen durchsetzen möchten“, meinte sie und sprach über kuriose Entwicklungen wie die „Heumahd“ (das Heu-Machen), die für Städter zur lustigen Abwechslung gerate und nichts vom harten Alltag der Landbevölkerung widerspiegele.

Auch die von der Bau- und Immobilienwirtschaft immer wieder vertretene These, dass es alle Menschen in die Metropolen zieht, hält sie für „schlichtweg falsch“. Denn aktuelle Umfragen besagen, dass viele Menschen in Großstädte ziehen müssen, weil sie nur dort eine adäquate Arbeit finden. Eine Befragung der Bundesstiftung Baukultur im Jahr 2016 hat ergeben: Über 70 Prozent möchten lieber ländlicher und näher an ihrem Heimatort wohnen. Und: Nur reichen oder zumindest wohlhabenden Familien bietet die Großstadt Chancen.

Baus sieht die aktuelle Entwicklung durchaus kritisch. Der riesige Bauboom in den Ballungszentren gehe „von einer stetigen Prosperität urbaner Arbeit“ aus. Doch aus ihrer Sicht bleibt fraglich, ob die deutsche Automobilindustrie auch zukünftig führend ist, ob die „Digitalisierungs-Coups der Welt“ in Deutschland erfolgen, und ob Deutschland auch weiterhin Exportweltmeister bleibt. So könnte der heutige Bauboom zum morgigen Leerstand führen.

Von daher mahnt sie an, vor allem den Leerstand und das Potenzial des heutigen Bestands im Auge zu haben. Wohnungsbauten abzureißen, was in Deutschland häufig vorkomme, hält sie für „ökologischen, ökonomischen und sozialen Unfug“. Harsche Kritik übte sie an der deutschen Polit- und Baupraxis, bei der Kommunen aus Eigeninteresse stetig neues Bauland für „abartig falsch konzipierte Gewerbe- und Einfamilienhaus-Gebiete“ ausweisen. Sogar Landschaftsschutzgebiete würden dafür geopfert. „Wieder mal rangiert Neubau vor Sanierung des Bestands“, beklagt sie, und das Baukindergeld, die Pendlerpauschale und die aktuelle Zinspolitik begünstigten diese Entwicklung.

Wie also kann das Stadt-Land-Gefälle entzerrt werden? Baus zählt einige Projekte auf, die Mut machen. Angefangen bei den „Ko-Dörfern“, die aus 50 – 150 Häusern bestehen und eine Infrastruktur anbieten, die alles beinhaltet, was Großstädter in der Stadt hält – ohne diese zu kopieren. Als fester Wohnsitz sind sie nicht gedacht, eher als „Komplementär zur Stadt“. Ein anderes Beispiel findet sich in der Nähe von Kaufbeuren: Hier beschloss der Gemeinderat, erst dann neues Bauland auszuweisen, wenn im Ortskern kein Leerstand mehr ist. Und im unterfränkischen Werntal werden Baulücken, leere Hofstellen und Wohnhäuser in einer interkommunalen Datenbank erfasst und bauwilligen Bürgern angeboten. Digitale Erfassung und Kommunikation sollen ein optimiertes Flächenmanagement unterstützen.

Zusammengefasst sieht Baus die Lösung in einem hochleistungsfähigen Datennetz (Stichwort Home-Office), qualitätvoller, zeitgemäßer Architektur (Stichwort Revitalisierung) und ganz wichtig: einer gut funktionierenden Mobilität. Auch wenn sie hier kein technisches Problem ausmacht, so spricht sie in diesem Zusammenhang von „Hausfrauen-Panzern“, der „mutlosen Bundesregierung“ und der „betrügerischen Autoindustrie“.

Was aus ihrer Sicht entscheidend ist: eine bessere Vernetzung der Verkehrsträger und selbstfahrende Fahrzeuge, mit denen auch in dünner besiedelten Gebieten die Mobilität funktioniert und bezahlbar ist, wo kein eigenes Auto erforderlich ist. Sie hofft, dass die jüngere Generation „im Auto kein notwendiges Statussymbol mehr sieht“.

Deutschland ordnet Baus in Sachen Digitalisierung noch als ziemlich rückständig ein: „Man muss es sich vorstellen: Der 1. Digitalrat der Bundesregierung startete gestern“.

Auch die Arbeitgeber seien gefordert, einen Beitrag zu leisten: Mit dem Angebot von Home-Office wäre das Familienleben ihrer Arbeitnehmer deutlich einfacher zu organisieren, müsste weniger gependelt werden und wäre eine freiere Wahl des Wohnortes möglich. Zudem könnten Arbeitsflächen eingespart werden.

Ihr Fazit: Gleichwertige Lebensverhältnisse, wie im Grundgesetz gefordert, können heute nur mit einer flächendeckenden Versorgung hochleistungsfähiger Netze gewährleistet werden. Die Provinzen sollten ihre Handlungsspielräume nutzen.

An ihren Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an, bei der sich auch die Vertreter der Stiftung Baukultur Saar und der Kooperationspartner (Saarpfalz-Kreis und Biosphärenzweckverband Bliesgau) zu Wort meldeten.

Text: Cornelia Noll