Foto: AKS
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Eine architektonische Entdeckungsreise durch das Saarland  

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe "ANNÄHERUNG" lud die Stiftung Baukultur Saar den Berliner Architekturkritiker Prof. Dr. Falk Jaeger zu einer kritischen Bestandsaufnahme ein. Kohleabbau und Schwerindustrie prägten über viele Jahrzehnte das Gesicht des Saarlandes. Nach dem Ende der Montan-Ära begann im kleinsten Flächenland der Republik, an der Grenze zu Luxemburg und Frankreich, der Strukturwandel. Industriedenkmäler wurden und werden restauriert und für andere – vornehmlich kulturelle – Zwecke genutzt, in denkmalgeschützten Bergarbeitersiedlungen leben heute Menschen mit Sinn für den Charme alter Bausubstanz. Der ökonomische und gesellschaftliche Wandel, er spiegelt sich nicht zuletzt in der Art des Wohnens, Instandsetzens und Neubauens wider. 

Um den Blick für die Licht- und Schattenseiten dieser Entwicklung zu schärfen, startete die Stiftung Baukultur-Saar im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe "ANNÄHERUNG" am 24. und 25. Oktober ein ungewöhnliches Experiment: Gemeinsam mit dem Berliner Architekturtheoretiker und -kritiker Prof. Dr. Falk Jaeger unternahmen rund zehn Mitglieder der Stiftung, begleitet von Journalisten des Saarländischen Rundfunks, eine zweitägige Landpartie.  

Über 300 Kilometer fuhren sie durch Ortschaften und Kleinstädte wie Saarwellingen, Dillingen und St. Ingbert, besichtigten umgenutzte Industriekomplexe ebenso wie neue Bauprojekte in Saarbrücken und Dörfer dies- und jenseits der luxemburgischen Grenze. 

"Betriebsblind" für Schönes und weniger Schönes 
"Wir, die wir hier leben, sind ein Stück weit gewöhnt an die Schönheiten und Schrecklichkeiten in den Städten und Gemeinden", erklärt Barbara Wackernagel-Jacobs, Vorstandsmitglied der Stiftung Baukultur-Saar, die Idee, mit Prof. Falk Jaeger einen ausgewiesenen Experten von auswärts zu einer kritischen Bestandsaufnahme einzuladen.   

Wie ist es in den ländlichen Regionen des Saarlandes um die Baukultur bestellt? Gibt es landestypische Besonderheiten, die es zu erhalten gilt? Wo und wie trägt Architektur zu einem stimmigen Ortsbild bei, welche "Bausünden" empfindet das Auge als störend? Was gilt es in Zukunft zu beachten, welche Verbesserungen wären möglich? 

Unter dem Titel "Blick von außen – über Land gehen" ging der für seine architekturjournalistischen Arbeiten mehrfach ausgezeichnete Gast am Ende der zweitägigen Rundtour in einem Vortrag auf diese Fragen ein, würdigte Positives und nannte Unbefriedigendes beim Namen – von kleinen gestalterischen Ungeschicklichkeiten begonnen bis hin zu Neubaugebieten, in denen Bauherrenträume aller Art wilde Blüten treiben. Rund 120 Zuhörer folgten dem mit reichlich Bildmaterial illustrierten und mit ironischen Spitzen gewürzten Resümee, dem Falk Jaeger zwei grundlegende Thesen voranstellte.

Überraschend homogenes Bild in saarländischen Kleinstädten  
Erstens: im Saarland zeige sich eine deutlichere Differenz zwischen Stadt und Land als in insgesamt verstädterten Großräumen wie Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg. 

Zweitens: die saarländischen Kleinstädte seien überraschender Weise "ziemlich homogen". "Es gibt wenige Ausreißer, sowohl in der Dimension, als auch gestalterisch", so Jaeger. Große Gebäude gebe es kaum, Ortsbilder seien geprägt von Bergarbeiterhäusern "von einer gewissen Qualität und Würde", die ähnliche Siedlungen – etwa in England, Flandern oder Holland – vermissen ließen. Gleichob, so seine Diagnose, fehle im Saarland das Bewusstsein für diese Qualität. Und wo der Wert bestehender, für die Region typischer Häuser nicht als solcher erkannt wird, lauert die Gefahr, dass Charakteristisches durch vermeintliche Verschönerungen zerstört wird. Eternitplatten an Fassaden, großformatige Werbetafeln an Giebelwänden, Roll- statt Klappläden, pseudobarocke Schnörkelgeländer, aufdringliche Leuchtreklamen und grelle Fassadenanstriche sind hierfür nur einige Beispiele. 

Architektonischer Wildwuchs an der saarländisch-luxemburgischen Grenze 
Als weit schlimmer als solche leicht revidierbaren Ausreißer empfand Jaeger das wilde Durcheinander unterschiedlichster Baustile und Materialien, das saarländischen Dörfern an der luxemburgischen Grenze ihre Identität zu rauben droht. In Perl und Nennig, wohin es in den vergangenen Jahren wegen der vergleichsweise günstigen Grundstückspreise viele Luxemburger zog, zählte Jaeger auf engstem Raum allein sieben verschiedene Dachdeckungen, darunter auch eine mit blauen Ziegeln. Moderne Häuser in Anlehnung an Bauhausarchitektur stehen hier neben rustikalen Einfamilienhäusern mit alpinem Einschlag, bunte Fertighäuser im nordischen Stil neben urban-durchdesignten Anwesen. 

Nur wenige Kilometer weiter, im luxemburgischen Remerschen, ist die Welt aus baukultureller Sicht hingegen noch weitestgehend in Ordnung. Dort finden sich neben stilgerecht erhaltenen älteren Wohnhäusern auch zeitgenössische Architekturen mit Respekt für Bestehendes. Falk Jaeger plädierte grundsätzlich für qualitätvolle Architektur, das Festhalten an landesüblichen Haustypen und die Verwendung angemessener Materialien. 

"Gelungene Konversionen": wie Industrie-Ruinen zu lebendigen (Kultur-)Orten werden 
Besonders positive Beispiele für den Umgang mit historischer Bausubstanz fand Falk Jaeger in den denkmalgeschützten Bergarbeitersiedlungen Von der Heydt und Göttelborn. Auch die Restaurierung ehemals industriell genutzter Gebäudekomplexe ist seiner Meinung nach in vielen Fällen gelungen: "Was ich gesehen habe, ist ermutigend, architektonisch meist sehr ansprechend." Als "gelungene Konversionen" bezeichnete er etwa den 2012 eröffneten "Garten Reden" in Landsweiler-Reden, wo denkmalgeschützte Bauten der Schwerindustrie in Verbindung mit Landschaftsarchitektur heute Raum für Erholung und Freizeit bieten. 

"Für Architekten ist es eine fantastische Aufgabe, die Baugeschichte solcher Industrieanlagen zu untersuchen, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was erhaltenswert ist und was nicht." Zu den aktuell interessantesten Vorhaben gehört die alte Baumwollspinnerei St. Ingbert, die künftig ein Museum beherbergen soll. 

Dass nicht nur die Bürokratie, sondern auch die Ökonomie mit darüber entscheidet, ob ambitionierte Bauprojekte gelingen, illustriert der Vergleich zweier neuer Wohnquartiere, das Saarbrücker "Leuchtturmprojekt" Artilleriekaserne und der Campus Nobel in Saarwellingen. Während es in Saarbrücken gelang, auf einem ehemaligen Kasernengelände eine alte Reithalle, Backsteinhäuser und moderne Wohnhäuser zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden, wurden vielversprechende Ansätze auf dem Areal der früheren Nobel Dynamitfabrik in Saarwellingen durch die Beliebigkeit neu gebauter Wohnhäuser zunichte gemacht. 

Ohne klare Gestaltungsvorgaben geht es meist nicht gut 
In der von Prof. Peter Schweitzer, Vorstandsmitglied der Stiftung Baukultur-Saar, moderierten Diskussion wurde deutlich, dass sowohl das Marktgesetz von Angebot und Nachfrage als auch die mehr oder weniger konsequente Durchsetzung von Gestaltungsvorgaben zum Erfolg im einen und Misserfolg im anderen Fall beitrugen. So waren Bauherren und Architekten für das neue Saarbrücker Quartier durch ein Gestaltungshandbuch an klare Vorgaben gebunden, über deren Einhaltung ein Gestaltungsbeirat wachte.  

In seinem Fazit plädierte Falk Jaeger in seinem Fazit unter anderem für Gestaltungsrahmenpläne, um stilistischem Wildwuchs Einhalt zu gebieten. Darüber hinaus könnten die Medien durch entsprechende Veröffentlichungen einen Beitrag dazu leisten, Hausbesitzer und potenzielle Bauherren für Fragen der Baukultur zu sensibilisieren.  

Das Saarland: eine dichte Kulturlandschaft "jenseits von Bilbao" 
Die Besonderheit des Saarlandes sei die "dichte Kulturlandschaft", eine Landschaft "jenseits von Bilbao", in der es keine Notwendigkeit gebe, "Hochhäuser zu setzen, Pirouetten zu drehen oder Orchideen zu pflanzen", sondern wo es vielmehr darum gehe, "Qualitäten zu sehen und zu pflegen". Dies gelte für den ländlichen Raum ebenso wie für die Großstadt Saarbrücken. Für sie empfahl Jaeger, "die Spezifik des Ortes" zu erspüren und wenn möglich nicht der Abstraktion des "International Styles" zu verfallen. 
 
Veranstaltungsreihe "ANNÄHERUNG" – Fortsetzung folgt 2014 
"Blick von außen – über Land gehen" war die dritte und für dieses Jahr letzte Veranstaltung der Reihe "ANNÄHERUNG", mit der die Stiftung Baukultur-Saar neben Fachleuten auch die breite Öffentlichkeit zum Diskurs über Bestehendes und Möglichkeiten der Veränderung einlädt. EIne Zusammenfassung der Vorträge in einer Broschüre ist geplant. Die Reihe wird im kommenden Jahr fortgesetzt. 

Den Bericht des Saarländischen Rundfunks über die Veranstaltung "Blick von außen – über Land gehen" finden Sie unter http://sr-mediathek.sr-online.de/index.php?seite=7&id=21466 


Text: Alexandra Raetzer, Saarbrücken  

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