Muck Petzet_Foto Iris Maurer
Datum der Veranstaltung: 
Dienstag, 17. September 2013 - 19:00
Um Strategien geht es ihm, um Strategien der Vermeidung, der Wiederverwendung, der Wiederverwertung. "Reduce, reuse, recycle" war denn auch sein Vortrag überschrieben. Die Rede ist von Muck Petzet, Münchner Architekt und Kurator des deutschen Pavillons bei der Architekturbiennale Venedig 2012. Die Veranstaltung mit Petzet war der zweite von drei Beiträgen der Stiftung Baukultur-Saar in diesem Jahr, die unter dem Motto "Annäherung" stehen. 
 
Nach einführenden Worten vom Stiftungsvorsitzenden, Professor Wolfgang Lorch, erläuterte Petzet zunächst kurz die Herkunft der drei Begriffe "reduce, reuse, recycle". Sie seien keine Erfindung seinerseits, vielmehr ein "Readymade", welches das Recycling-Symbol mit den drei den Verwertungskreislauf beschreibenden Pfeilen aus der Abfallwirtschaft aufgreifen. Um dann in Gary Cooper den eigentlichen Anti-Helden des Abends auszumachen. Als Howard Roarks verkörpert Cooper in King Vidors Film "The Fountainhead" (USA, 1949) einen aufstrebenden jungen Architekten, beseelt von der Wichtigkeit seiner schöpferischen Visionen. Von diesem Ideal könnten Architekten wie Bauherren sich bis heute nicht frei machen. So deuteten wir stets alles Neue, Helle, Lichte, Weiße als gut, alles Alte als schlecht. So seien auch Fünfziger- und Sechzigerjahre-Bauten für uns hässlich und störend. "Der Architekt identifiziert sich mit Neuem, das sich abwendet vom Alten." Diese Gary-Cooper-Haltung werde unterstützt durch Fördermaßnahmen für energieeffizientes, ökologisches Bauen entsprechend der Abwrackprämie fürs Altauto im Jahr 2009. "Dabei wird Energie beim Gebäudeabriss zu 98 Prozent freigesetzt und damit vernichtet", bilanzierte Petzet und zog den Vergleich zur Holzrodung. 
 
Vom Destruktiven zum Konstruktiven gewandt führte Muck Petzet viele gute Beispiele an, wie er Architektur denkt. Für ihn allesamt Projekte, deren Architekten "nicht den geistigen Gary Cooper aktiviert haben, um sich zu verwirklichen". Dazu gehören die Arbeiten von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die etwa 1998 einen Stahlkonstruktionsbau in Cap Ferret realisiert haben, der die Bäume auf dem Gelände integriert, so dass "die Bäume durchs Haus wachsen". Ebenso erwähnte Petzet die von Lacaton & Vassal vorgenommene Sanierung des Palais de Tokyo, begonnen 2002, wiederaufgenommen 2012, wo nur "das Allernötigste gemacht wurde, Stützen verstärkt, Brandschutzmaßnahmen geprüft". Ebenso habe er selbst bei seiner Pavillongestaltung in Venedig nichts geändert, "nur den Schlüssel umgedreht und die Tür geschlossen", so dass schon diese winzige Geste eine große Änderung der Wahrnehmung nach sich gezogen habe, da die Raumhierarchie nicht mehr existent war.
 
Auf Wahrnehmungsverschiebung setzt der Architekt und Kurator. Oft sei es allein die Präsentation, die uns die Dinge als schön oder hässlich einordnen lasse. Gemäß dem Slogan "Graue Energie zählt" demonstrierte Petzet, der eine Gastprofessur an der TU München inne hat, 2012 mit seinen Studierenden für den Erhalt des Gesundheitshauses in München, das, voll funktionsfähig, trotz aller Einwände durch einen teureren Neubau ersetzt wurde. "Alle reden von Ressourcenschonung und meinen, etwas Gutes zu tun, wenn sie sich für den Abriss von Gebäuden einsetzen." 
 
Es geht ihm um nicht eben wenig, um einen fundamentalen Perspektivwechsel, der Nachkriegs- und Plattenbauten einschließt, die er versuche, inhaltlich und formal "weiterzudenken und weiterzubauen anhand der Logik ihres Bestands" etwa durch Subtraktion oder Addition von Bauelementen. Ihm liege daran, "der Wahrheit und den Gedanken, die dem Gebäude innewohnen, eine zukunftsfähige Form zu geben", so dass "aus Altem und Neuem ein Ganzes entsteht, als ob es schon immer so ausgesehen habe". Man müsse nicht romantisieren, doch gehe es darum, "Geschichte in die Zukunft zu tragen". Petzet setzt Abriss mit Umweltsünde gleich, optimistisch prophezeit er einen Bewusstseinswandel für die kommenden Jahre. Und damit den Tod von Gary Coopers selbstherrlichem Howard Roarks.