Sie sind die Bauherren und Entscheidungsträger von morgen. Die Schülerinnen und Schüler von heute. Doch allein im Wissen und Verstehen gebauter Umwelt können sie diese bewusst wahrnehmen und für sich selbst in ihrer Gesellschaft verantwortungsvoll handeln. Auf diese wichtigen Zukunftsaufgaben sollten die Schulen vorbereiten. 
 
Erstmals im Saarland wurden Architektur und Baukultur nun in den Lehrplan integriert. Das hat eine Kooperation ermöglicht. Das Ministerium für Bildung und Kultur, die Architektenkammer des Saarlandes (AKS), das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) sowie die Wüstenrot Stiftung haben im Rahmen des Saarland-Projekts „Kreative Praxis“ 13 Projekte an elf weiterführenden Schulen in unterschiedlichen Klassenstufen initiiert. Daraufhin brachten Architekten, Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Lehrer ein Schulhalbjahr lang im Rahmen von zwölf festgesetzten Terminen ihr Fachwissen ein und erweiterten dieses im gemeinsamen Austausch. Jeweils ein Lehrer und ein Architekt vermittelten als Tandem-Team das Thema Baukultur an den Schulen. 
 
Nun bei der Vernissage am 13. Juni in der Akademie im Haus der Architekten kamen sie alle zahlreich, die Schülerinnen und Schüler, die Architektinnen und Architekten, die Lehrerinnen und Lehrer. Allesamt stolze Akteure, die ihren Angehörigen, Freunden und Bekannten gerne Anstrengung wie Freude erläuterten, die in den ausgestellten Plakaten, Zeichnungen, Modellen, Fotografien und Projektmappen stecken. Moritz Küppers (13), Sebastian Ehl (14), Alina Laux (14), Jana Hammes (14) und Veronika Rand (13) lernen am Gymnasium am Stefansberg Merzig. Sie beschreiben die gemeinsame Arbeit an ihrem Projekt „Unser Haus im Spannungsfeld zwischen Abbild und Abstraktion“ im Kunstunterricht mit  Lehrerin Claudia Kohr-Walter und der Architektin Dominique Zimmer als „spannend“ und freuen sich auf den Besuch einer Baustelle, den die Architektin den Schülern zum Abschluss gemeinsamen Wirkens versprochen hat. Kohr-Walter und Zimmer haben gemeinsam unterrichtet. Sie standen beide zusammen vor den Schülern an der Tafel und haben Zentralperspektive erläutert, die Unterschiede zwischen Sattel-, Flach-, Pult- und Pyramidendach und viele weitere Begrifflichkeiten aus der Architektur. Die Schülerinnen und Schüler sollten ihr Wohnhaus fotografieren aus allen denkbaren Perspektiven, es folgten Zeichnungen von Außenansichten, Zimmergrundrissen, zentralperspektivischen Häuserfluchten und schließlich die radikale Reduktion der Häuser auf Farb- und Formflächen. Im Ergebnis, sagen Alina, Jana und Veronika, nehmen sie jetzt, nachdem sie sich mit der Architektur ihrer eigenen Wohnhäuser auseinandergesetzt haben, ihre gebaute Umwelt viel bewusster wahr. Sie wissen nun, was ihnen in der bauplanerischen Umsetzung ihrer Häuser (miss-)fällt und auch warum. Genau das war das Ziel des Projekts. 
 
„Unser gesamtes Lebensumfeld – ob laut oder ruhig, drinnen oder draußen, geschlossen oder offen – löst negative oder positive Gefühle bei uns aus, ob wir das wollen oder nicht. Doch warum das so ist, ist uns oft nicht klar. Es gilt, unsere Umwelt sehen zu lernen.“ Mit diesem Appell leitete der Präsident der Architektenkammer des Saarlandes, Professor Heiko Lukas, sein Grußwort bei der Eröffnung der Ausstellung ein. Schon Schüler sollten eine Identifikation zu ihren Lebensumwelten aufbauen, indem sie deren Geschichte kennen und selbst Vorschläge formulieren lernen für zukünftige Entwicklungen. Er dankte den Schülern und Lehrern, dass sie sich „eingelassen haben auf die Architektenzunft“ und schloss mit der Hoffnung auf eine „Verstetigung“ solch einer Projektarbeit im Schulunterricht. 
 
Dr. Kristina Hasenpflug sprach für die Wüstenrot Stiftung, die das Lehrbuch „Baukultur – gebaute Umwelt: Curriculare Bausteine für den Unterricht“ herausgibt und dieses den teilnehmenden Lehrern für die Zusammenarbeit mit den Architekten zur Verfügung gestellt hat. Hasenpflug sagte in ihrer Rede, sie erkenne ein „enormes Potenzial“ in diesem Projekt, das zu „Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung der eigenen Umwelt“ führe und durch die „soziokulturelle Teilhabe das Selbstbewusstsein“ der Teilnehmenden stärke. Das abschließende Grußwort sprach der Minister für Bildung und Kultur des Saarlandes Ulrich Commerçon. Auch er betonte das Thema Architektur als eines, „das uns alle betrifft“. Der Minister fuhr fort, dass gerade deshalb auch die Bürger ihre Umwelt mitgestalten wollten und ganz zu Recht Mitsprache einforderten. Und seine Erfahrung zeige, dies sei gut und richtig, um „Vorurteile zu beseitigen, Verständnis, Interesse und Anerkennung zu erhalten“. Schließlich „funktioniert Architektur nur dann, wenn Menschen die Architektur verstehen“. Und da für ihn die Stärkung von „Wahrnehmungskompetenz zum Bildungsauftrag“ gehöre, bekräftigte er im Namen des Ministeriums „das hohe Interesse an einer Projektweiterführung“.

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