Foto: Tom Gundelwein
Foto: Tom Gundelwein

AKS fordert „bezahlbaren Wohnraum für alle“ und setzt sich für Bürgerbeteiligung bei der Quartiersentwicklung ein 

„Container für Flüchtlinge sind nicht alternativlos!“ Mit diesem Statement rückte Prof. Heiko Lukas, Präsident der Architektenkammer des Saarlandes (AKS), das Thema Sozialwohnungen ins Zentrum des Neujahrsempfangs der AKS, zu dem am 25. Januar 2016 rund 150 Gäste in die Saarbrücker „Luminanz“ gekommen waren. 

Allein im Saarland werden in diesem Jahr mehr als 2.500 Wohnungen für Flüchtlinge benötigt, zugleich stehen landesweit 20.000 Wohnungen leer, berichtete Lukas. „Der Zuzug von Flüchtlingen bietet die Chance, Leerständen und der zunehmenden Verödung im ländlichen Raum entgegenzuwirken und die baukulturelle Identität des Landes zu stärken.“

Neben Umbauten seien auch Neubaumaßnahmen unerlässlich. Auch für sozial Schwächere und normalverdienende Familien müsse es bezahlbaren, qualitätsvollen Wohnraum geben, forderte Heiko Lukas und appellierte an die Landesregierung, eine „Renaissance des sozialen Wohnungsbaus“ einzuläuten.

Architekten und Stadtplaner seien bereit, sich engagiert einzubringen. „Denn sorgfältig geplante Wohnungsbauten mit einem lebenswerten Umfeld sind ein entscheidender Teil der Antwort darauf, wie sich ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erreichen lässt.“

Mit allen Betroffenen reden, unterschiedliche Interessen berücksichtigen, um Konflikte so schon im Voraus zu vermeiden –  dieses Gebot gelte in der Quartiersentwicklung. „Will man eine hohe Akzeptanz sicherstellen, müssen die Bewohner in die Entwicklungsplanung einbezogen werden“, betonte der AKS-Präsident in Bezug auf den seit rund zwei Jahren leerstehenden Pingusson-Bau in Saarbrücken. Das 2,5 Hektar große Gelände rund um das denkmalgeschützte Gebäude sei von „herausragender Bedeutung“ und bilde „ein Scharnier im Stadtgefüge“. Die AKS wirbt bereits seit Monaten für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb. Doch nichts sei geschehen, und nun werde wegen einer von der Handwerkskammer des Saarlandes geplanten Baumaßnahme Zeitdruck aufgebaut. Die AKS hält an ihrer Forderung fest: „Die Bürger müssen in den Diskussionsprozess einbezogen werden!“ 

Das Augenmerk lenkte Heiko Lukas auch auf die schwierige Finanzsituation des Saarlandes und die Vergabepraxis bei öffentlichen Bauaufträgen. Er warb für eine „Balance aus Sparen und Investitionen“, um die Kommunen weiter attraktiv zu gestalten. „Wir brauchen junge kreative Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner zur Weiterentwicklung unseres Landes.“

Daher dürften die Bewerbungshürden in Vergabeverfahren nicht so hoch sein, dass sie nur von wenigen regionalen Büros überwunden werden können.

Rückenwind bekam Lukas von Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger. Sie bezeichnete die „Zugänglichkeit zu öffentlichen Aufträgen“ als „extrem wichtig“. Saarländische Unternehmen müssten die Möglichkeit haben, sich dem Wettbewerb zu stellen. Ein Schritt in die richtige Richtung sei die Novellierung des Mittelstandsförderungsgesetzes. Herausforderungen sieht die Ministerin bei dem „komplexen Prozess des Bauens“ insbesondere im Hinblick auf Energieeinsparung, Barrierefreiheit und demografischen Wandel. Sowohl beim Bauen im Bestand als auch bei Neubauten seien „Architekten mit ihrem Expertenwissen gefragt“.

Rehlinger sprach sich dafür aus, dem durch den Flüchtlingszuzug deutlich gewordenen Wohnraummangel konstruktiv zu begegnen und Sozialwohnungen zu schaffen, die auch dem Urteil der nächsten Generationen standhalten. „Die Bauwerke, die wir errichten, geben Auskunft über die Verfasstheit der Gesellschaft“, so Rehlinger. Deshalb wolle es gut überlegt sein, ob man sich für „schnell gezimmerte Holzbauten“ für Flüchtlinge entscheide oder sich um eine „wirkliche Antwort im Sinne eines umfassenden Sozialwohnungsbaus für alle“ bemühe.

Auch beim Thema Schuldenbremse scheint die Ministerin mit der AKS auf einer Linie zu liegen: Sparen um jeden Preis sei nicht der richtige Weg. Vielmehr gelte es, auch weiterhin zu investieren, um nachfolgenden Generationen keine „marode Infrastruktur“ zu hinterlassen. 

Applaus erhielt die Ministerin auch für ihren Vorschlag, von Seiten des Landes einen Wettbewerb für Gewerbe- und Industriebauten auszuloben. Begrüßt wurde ein solcher Wettbewerb sowohl von Heiko Lukas als auch von der Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Barbara Ettinger-Brinckmann.

Sie betonte im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik die Bedeutung von Architektur und Städtebau für die „Integration verschiedener Kulturkreise in die Gesellschaft“.

Als positiv bewertet Ettinger-Brinckmann das vom Bundesbauminister ins Leben gerufene „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“. Ziel des Bündnisses sei es unter anderem, die Ursachen für hohe Kosten beim Bau zu identifizieren und abzuwägen, wo – beispielsweise bei Schall- und Brandschutz – Abstriche gemacht werden könnten, ohne auf eine „Zwei-Klassen-Gebäude-Gesellschaft“ zuzusteuern. Angestrebt werde auch eine Baulandaktivierung, etwa durch Anpassung des Hebesatzes, zur Eindämmung privater Spekulationen.

Neues zu berichten hatte Barbara Ettinger-Brinckmann auch von der Reformkommission für Großprojekte, die mit zehn Handlungsempfehlungen dabei helfen will, Versäumnisse wie beispielsweise im Fall der Elbphilharmonie in Zukunft zu vermeiden. „Qualität und Wirtschaftlichkeit sind eng verbunden mit der Art der Vergabe“, betonte Ettinger-Brinckmann mit Blick auf das europäische Vergaberecht, das bis April 2016 in deutsches Recht umgesetzt werden soll. Laut europäischem Recht sei nach dem günstigsten Preis zu vergeben. „Das kann nicht sein, denn die Leistungen der Architekten und Ingenieure machen – bezogen auf die Gesamtkosten – nur zehn bis 20 Prozent aus. Je klüger geplant wird, desto geringer sind die Gesamtkosten.“ Kurzum: höhere Planungskosten könnten sich amortisieren. Aus diesem Grund habe sich die Kammer – leider ohne Erfolg – für Planungswettbewerbe als Regelverfahren eingesetzt.

Auch auf die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) ging Barbara Ettinger-Brinckmann ein. Deren Zukunft hänge nun vom Urteil des Europäischen Gerichtshofes ab. Immerhin habe sich der Deutsche Bundestag inzwischen klar zu der HOAI und den freien Berufen bekannt.

Handbuch der Saarländischen Architektenkammer 2016
Präsentiert und verteilt wurde auf dem Neujahrsempfang das „Architektenhandbuch der AKS 2016“.

Das Handbuch ist auch im Internet unter www.aksaarland.de/mitglieder/architektenhandbuch als PDF-Datei abrufbar.