Prof. Jörg Springer (Foto: Iris Maurer)

„Angemessen im Besonderen – Weiterbauen“: Was sich hinter diesem kryptisch-subtilen Titel verbirgt, konnte man im Oktober im Rahmen eines Vortrages von Professor Jörg Springer erfahren.

Der in Berlin und Barcelona ausgebildete Architekt betreibt in Berlin zusammen mit Georg Heidenreich und Klaus Springer ein Architekturbüro, zu dessen Kernkompetenzen der Umbau und die Ergänzung denkmalgeschützten Architekturbestandes gehört. Hinsichtlich dieser Aufgabenstellung lautet Springers leitmotivische Frage: Wie können sich Architekten angemessen verhalten, da sie doch immer in ein vorgegebenes kulturelles Umfeld eingebunden sind?

Nur so viel vorweg: Für Springer ist die Beschäftigung mit historischer Bausubstanz nicht gleichbedeutend mit bedingungslosen Rekonstruktionsprojekten wie etwa dem derzeit laufenden Dom-Römer-Projekt in Frankfurt, die in seinen Augen keine wegweisenden Positionen beinhalten und einen konstruktiven Dialog mit der Öffentlichkeit erschweren. Springer versteht seine Arbeit vielmehr als „Momentaufnahmen des Nachdenkens über Architektur“. Die Mittel, die dem Architekten zum Bauen im historischen Kontext zur Verfügung stehen, sind für ihn 1.) die Ideengeschichte eines bestimmten Ortes, das heißt der Architekt arbeitet in einem Geschichtskontinuum; 2.) der Umgang mit architektonischen Bildern und mit dem Ausdruck von Bauwerken.

Gerade dieses „Arbeitsmittel“ birgt Gefahren in sich, denn allzu leicht kann es durch Umbauten und Veränderungen zu einem Ungleichgewicht zwischen den architektonischen Bildern kommen, zu Verschiebungen im Ausdruck der Bauwerke und ihrer spezifischen architektonischen Sprache. Und drittens und letztens sind die Frage nach der Aura eines Gebäudes und die damit verbundene Seherfahrung von tragender Bedeutung für die Arbeit des Architekten. Was zunächst allzu theoretisch klingt und wie ein ideologisches, realitätsfernes Gedankenkonstrukt anmutet, kann durch eine ganze Reihe interessanter Arbeiten des Architekturbüros Heidenreich & Springer anschaulich belegt werden.

Beim Umbau etwa des von dem Kölner Architekten Carl Moritz 1913 entworfenen Theaters in Stralsund wurde nicht eine brachiale Selbstinszenierung respektive Modernisierung durchgeführt. Vielmehr ging es dem ausführenden Architekturbüro bei der Sanierung um die Rückgewinnung des ursprünglichen, ausschließlich auf die Bühne konzentrierten Zuschauerraumes, der durch bauliche Eingriffe im Jahr 1968 zerstört worden war. So konnte die Einheit zwischen Außenbau und Innenraumeindruck, das heißt das Gleichgewicht der architektonischen Bilder wiederhergestellt werden. Doch im Falle von nicht erhaltenen Elementen, wie etwa den textilen Wandbespannungen im Zuschauerraum, hat man nicht mit Gewalt eine Rekonstruktion ohne fundierte Grundlage versucht, sondern eine Neugestaltung vorgezogen.

Die neuen Bauteile sind zwar als solche zu erkennen, führen aber kein pene-trantes Eigenleben, sondern sollen zur ganzheitlichen Raumwirkung beitragen. Genau das ist es, was Springer unter angemessenem Verhalten des Architekten versteht. Die Aufgabe des Architekten besteht seiner Auffassung nach darin, den besonderen Kontext eines historischen Bauwerks zu berücksichtigen und dieses durch behutsames Weiterbauen in die Gegenwart zu überführen. Ein weiteres eindrucksvolles Bauprojekt von Heidenreich & Springer ist in diesem Zusammenhang zweifellos das Kulturhaus Großenhain, das auf den Überresten einer Textilfabrik aus dem Jahr 1856 entstand, in die jedoch bereits wesentlich ältere Teile eines Bergfrieds aus dem 14. Jahrhundert integriert waren. Nach Stilllegung der Textilfabrik war das Gebäude dem Verfall preisgegeben, so dass es sich im 20. Jahrhundert bis zu Beginn des Neubauprojekts durch Heidenreich & Springer als Ruine präsentierte.

Das Architektenteam entschied sich für die teilweise Wiederherstellung des bestehenden Volumens, ohne den Ruinencharakter zugunsten neuer Oberflächen aufzugeben. Auf diese Weise machte man sich die Zeichenhaftigkeit des Bauwerks zu eigen, das nach außen sichtbar auf die Vergangenheit verweist und damit gleichzeitig die neue Nutzung des Gebäudes als Kulturhaus widerspiegelt.

Und auch hier gilt wieder die Maxime: Die Ergänzungen sind identifizierbar beziehungsweise erkennbar, drängen sich jedoch nicht auf. „Es ist so, als hinterfrage sich das ergänzte Bauwerk ständig selbst“, so Springer. Kurzum: eine Ruineninszenierung im Zeichen von Gegenwart und Zukunft!

Dr. Eva Dewes

Melden Sie sich hier für unser Newsmagazin an