Foto: Sarah Keidel
Foto: Sarah Keidel

Was hat es mit Suffizienz auf sich? Kammerpräsident Alexander Schwehm gesteht in seinem Grußwort, dass er den Wortsinn nachschauen musste. „Es heißt so viel wie genug sein“, klärt er auf. Und darum gehe es auch in der Architektur. Architekten und Bauherren sollten z. B. wissen, wann es genug ist beim Einsatz von Technik, bei der Versiegelung von Fläche oder bei der Verwendung energieintensiver Materialien. Mit der Aussage „So viel wie nötig, nicht so viel wie möglich“ leitet er zum Vortrag des Referenten Hans Drexler über.

Drexler ist Architekt in Frankfurt am Main (DGJ Architekten), Professor an der Jade-Hochschule in Oldenburg und Vorstandsmitglied des 2013 gegründeten Vereins AktivPlus e. V. Der Verein möchte einen zukunftsfähigen Standard für Gebäude und Quartiere entwickeln und in der Bau- und Immobilienwirtschaft etablieren.

Das Besondere an Hans Drexler ist nicht nur sein sympathisches und souveränes Auftreten, sondern auch, dass er das Thema Suffizienz verinnerlicht und versucht, danach zu leben: „Es geht beim Suffizienzthema darum, den Menschen positive Ausblicke zu geben. Verzicht zu predigen bringt rein gar nichts.“ Das wird auch bei seinem Vortrag deutlich.

Zum Suffizienzansatz kam er über ein Forschungsprojekt. Er untersuchte Strategien für bezahlbaren Wohnraum und stellte fest: „Beim Wohnen geht es nicht nur um Zahlen.“ Anhand eines eigens entwickelten Wohnwertbarometers analysierte er unterschiedliche Parameter. Sein Fazit war, dass man Minimalisierung und Standards unter dem Überbegriff Suffizienz zusammenfassen könne.

Mit europäischen Verhältnissen vergleichbar hält Drexler das Wohnen in Tokio. Frei nach dem Motto des Züricher Architekturforums „Learning from Tokyo“. Zunächst erklärte er, warum die kostbare Ressource Fläche so schwierig zu schützen ist. Der Wohnflächenverbrauch pro Kopf nimmt immer weiter zu: Waren es im Jahr 1960 noch 19 m², sind es 2015 im bundesweiten Durchschnitt 47,1 m². Dabei käme es zu dem sogenannten Rebound-Effekt. Die meisten Einsparungen, die aufgrund effizienter Technologien und des Einsatzes regenerativer Energien erzielt werden, würden von der wachsenden Wohnfläche und dem daraus resultierendem steigenden Bedarf aufgezehrt. Dadurch und durch steigende Komfortansprüche würden gesetzliche Vorgaben wie die EnEV ad absurdum geführt.

In Tokio besteht die Hälfte des Stadtgebiets aus Mini-Häusern, die mit wenigen Quadratmetern Grundfläche auskommen. Die Gebäudetypologien sind hier andere: flächeneffiziente Erschließungen mit außenliegenden Treppen und Laubengängen. Dem Stadtbewohner Tokios genügen 22 m² Wohnfläche. Denn: Die Räume sind nur mit Tatami-Matten möbliert und kommen ohne Nippes aus. Sie lassen sich multifunktional verwenden. Zudem wird sehr viel in die Stadt ausgelagert. Tokio besitzt die höchste Restaurantdichte weltweit. Damit entfällt das große Esszimmer, das auch für Besucher ausgelegt ist.

Das in Tokio Gelernte versucht Drexler bei den eigenen Projekten umzusetzen. Er hebt bei einem Mini-Haus in Frankfurt mithilfe intelligenter Grundrisslösungen die Begrenzungen so auf, dass die Räume größer wirken. Die klassische Nutzungstrennung in Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer verschwindet zum Teil.

Sein neuestes Projekt ist ein Stadthaus, ebenfalls in Frankfurt, im Aktivhausplus-Standard. Hier übt er den Selbstversuch und möchte in einer Baugruppe mit mehreren Paaren und Familien „gemeinsam suffizient leben“. Das Gebäude entwirft er als Holzskelett, das „flexibel und somit langfristig den Anforderungen der Nutzer während seines ganzen Lebenszyklus genügt“. Dadurch ist das Haus resilient, das heißt widerstandsfähig gegenüber Veränderungen und kann sich immer wieder anpassen. Aufgrund der Planung von Gemeinschaftsküchen, eines gemeinsamen Gästezimmers („Joker-Zimmer“) und Gemeinschaftsbalkonen schrumpft die Wohnfläche auf gerade mal 27,8 m² pro Person.

Für einen Beitrag auf der diesjährigen Biennale in Venedig geht Hans Drexler noch weiter: Im „Fab-Lab-Housing“ sieht er eine einfache Holz- oder Stahlskelettstruktur vor, die von Flüchtlingen bezogen werden soll und dann in Do-it-yourself-Mentalität selbst ausgebaut wird. Mit diesem Projekt „hausiert“ Drexler auch bei hiesigen Immobiliengesellschaften. Bisher ohne Erfolg: Er scheitert an den deutschen Bestimmungen zu Schall- und Brandschutz sowie Barrierefreiheit.

Sein Ansporn? Drexler möchte gegen den Klimawandel ankämpfen: „Architekten haben eine große Verantwortung der Zukunft gegenüber. Und wir haben im Gegensatz zu anderen Branchen sogar die Antworten.“

Kim Ahrend

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