Der Tag des offenen Denkmals stand dieses Jahr unter dem Motto "Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?". Neben Gebäuden, die an Krieg und Unrecht erinnern, standen insbesondere die Gebäude der Nachkriegsmoderne im Fokus.
 
Mit dem Stil- und Geschichtsbegriff der "Fünfzigerjahre" wird für gewöhnlich die Architektur der unmittelbaren Nachkriegszeit beziehungsweise des Wiederaufbaus von 1945 bis Anfang der Sechzigerjahre umrissen. Charakteristisch für diese Zeit ist eine Stilvielfalt, die von wiederaufgenommenen konservativen Strömungen mit einem historischen (regionalen) Bezug bis zur Architektur des Neuen Bauens und der darauf aufbauenden modernen Architektur der Dreißiger- und Vierzigerjahre reicht wie beispielsweise der in der Schweiz und in Skandinavien.
 
Die Stilvielfalt dieser Epoche ist gekennzeichnet durch eine zurückhaltende, zartgliedrige Gestaltung der Fassaden, die durch eine gekonnte Anordnung von Fenstern, Balkonen oder Erkern erzielt wird. Sie besitzt eine Experimentierfreudigkeit hinsichtlich der Materialien, die sich in schlanken Konstruktionen, Flugdächern oder freischwingenden Betontreppen ausdrückt. Ebenso wichtig sind die Details der kunstvoll gestalteten Türen, Türgriffe, Mosaiken und Buntverglasungen.
 
Gerade die saarländische Region hat ein reiches Erbe an Bauten dieser Epoche vorzuweisen. So charakteristisch sich aber das Erscheinungsbild der Architektur der Fünfzigerjahre an vielen Stellen etwa in der Landeshauptstadt Saarbrücken heute darbietet, so unsicher scheint ihre Zukunft. 
 
Die Bauten der Nachkriegszeit befinden sich nach ihrem dreißig bis vierzig Jahre währenden Gebrauch mitten in der ersten Reparaturphase. Die vergleichsweise karge Ästhetik dieser Architektur ist durch Eingriffe infolge von Sanierungsmaßnahmen besonders gefährdet. Zu selten findet eine ausgewogene Berücksichtigung gestalterischer und energetischer Kriterien statt. Allzu oft werden bauliche Veränderungen zur Verbesserung der Energieeffizienz allein auf die Dämmung der Fassade reduziert, was zu Ergebnissen führt, die städtebaulich und architektonisch unbefriedigend sind.
 
Auch erfolgen klimafreundliche Baumaßnahmen immer noch zu selten auf Grundlage einer städtischen Gesamtenergiebilanz und einer umfassenden, integrativen Stadtentwicklungsplanung. So sollten vielmehr gerade auch angesichts des demografischen Wandels vielerorts Energiekonzepte entwickelt werden, deren Schwerpunkt auf einer Stabilisierung von Quartieren liegt und die verstärkt Aspekte von Umbau und Umnutzung konzeptionell und gestalterisch ausführend berücksichtigen.
 
Da heute offensichtlich die Qualitäten und die Bedeutung des baulichen Erbes der Nachkriegszeit nicht mehr ausreichend im Bewusstsein verankert sind, sollte der öffentliche, politische und fachliche Diskurs über diese Epoche unbedingt stärker belebt werden. Insbesondere da es einen großen Bestand gibt, dessen Schutzwürdigkeit, wenngleich unausgesprochen, als Teil von städtebaulichen Ensembles eine bedeutende Rolle spielen könnte sowohl hinsichtlich der Vermittlung eines Verständnisses zeitgeschichtlicher Zusammenhänge als auch in der Sichtbarmachung baustilistischer Charakteristiken für Stadt und Region.
 
Die kulturelle Herausforderung von Klimaschutz und Baukultur liegt darin, den baulichen Bestand neuen Anforderungen heutiger Zeiten anzupassen, ohne ihm die Identität zu nehmen. Die Aufgabe besteht darin, adäquate Lösungen und differenzierte Strategien zu entwickeln, die Historisches im Gegenwärtigen aufbewahren, reflektieren, ergänzend weiterentwickeln, aber auch in Frage stellen dürfen. Schließlich ist die gewachsene urbane Struktur sichtbarer Ausweis für die Entwicklung einer Stadt und Teil ihrer Identität.
 
Igor Torres, 
Vertrauensarchitekt der AKS