Reiner Nagel (Foto: Iris Maurer)

Als „Tour de Force“ durch das Thema „Baukultur“ erwies sich dem Präsidenten der Architektenkammer des Saarlandes, Professor Heiko Lukas, der Vortrag von Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Durchhaltevermögen, ein langer Atem sind notwendig, um Immobilienwirtschaft, Politik, Verwaltung und nicht zuletzt Bürger und Bauherren davon zu überzeugen, dass Baukultur nicht nur bedeutet, so Nagel, „für das Schöne zuständig zu sein.“ Vielmehr geht es um „gebaute Lebensräume der Zukunft“, von denen der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung auf Einladung der Landesstiftung seinen Zuhörern im VHS-Zentrum am Schloss sprach.

Dabei geht es nicht um das Neubauen, denn Dreiviertel der Baumaßnahmen in Deutschland mit einem Bauvolumen von 310 Milliarden, so Nagel, dienen der Bestandsentwicklung. Auch deshalb hat die Stiftung Baukultur Saar für ihre diesjährigen Veranstaltungen das Motto „Weiterbauen“ gewählt. Dass Baukultur mit Fragen der Teilnahme, der Prozesse und der Wirtschaftlichkeit befasst sein muss, machte Reiner Nagel anhand des aktuellen, von der Bundestiftung herausgegebenen Baukulturberichtes deutlich. Das Feld der Baukultur ist daher bestimmt von Alltagsthemen, dem demographischen Wandel, der schrumpfenden Gesellschaft, dem fehlenden Wohnraum in den Ballungszentren, dem ineffizienten Dämmen von Hausfassaden mit potentiellem Sondermüll statt vernünftiger energetischer Sanierung oder den durch Kaufhausmonostrukturen ausgelöschten vitalen Stadtzentren.

Baukultur macht dazu Vorschläge: Derart, dass eine Stadt Baugrundstücke erwerben soll, um eine Handhabe gegen den Städtebau außer Acht lassende Investorenpläne zu besitzen, denn, so Reiner Nagel, ein Grundstücksvertrag könne dabei mehr regeln als ein Bebauungs- und Gestaltungsplan. Oder, warum nicht anstatt Subjektförderung durch Wohngeld die Gelder in die Objektförderung für guten sozialen Wohnungsbau stecken? Der Mindestlohn, so Nagel, mache dies möglich und damit wird Baukultur Thema der Politik. Nur die tarnte, wie neulich erst, als der Bundestag über Baukultur debattierte, ihr „geballtes Desinteresse“ als Interesse, wie Reiner Nagel feststellen musste.

Die Politiker müssten die Potentiale der Baukultur entdecken, ebenso wie die Immobilienwirtschaft, fasst Reiner Nagel zusammen. Was nichts anderes heißt, als einen langen Atem zu haben und Überzeugungsarbeit zu leisten, ausgestattet mit dem nötigen Selbstbewusstsein: Warum nicht auch Baukultur neben Sport und Bildung einem Ministerium zuschreiben?, schlägt er vor. Denn, „wenn es nicht zu lesen steht, ist es auch nichts wert.“

Dr. Sabine Graf