Im Rahmen des Programmes „50 Jahre Elysée-Vertrag“ zeigten der Deutsche Werkbund Saar, die Stiftung Baukultur Saar und die HTW in Kooperation mit dem Maison de l’Architecture de Lorraine in Nancy im Kultusministerium die gemeinsam konzipierte Ausstellung „Dialog über die Grenze. Der Architekt Georges-Henri Pingusson im Kontext seiner Zeit 1949-1973“. Ziel war nicht nur, an den Architekten zu erinnern, sondern auch den Besuchern die Bedeutung des Hauses bewusst zu machen. Das Denkmal saarländischer Landesgeschichte und wichtigste Architektur-Beispiel der frühen Nachkriegszeit konnte in  eigener Anschauung erlebt werden. Damit verbindet sich die Hoffnung auf ein Ende der Abrissdiskussion und eine denkmalgerechte sorgfältige Sanierung. Minister Ulrich Commerçon eröffnete die Ausstellung mit einem engagierten Plädoyer für den Erhalt.

Pingusson (1894 bis 1978), Architekturprofessor an der Pariser École des Beaux Arts und seit 1950 Ehrenmitglied der saarländischen Architektenkammer, zählt zu den wichtigsten Vertretern der Moderne in  Frankreich, betonten sowohl der französische Generalkonsul wie der Präsident der lothringischen Architektenkammer in ihren Grußworten. Aufsehen erregten 1931 das Hotel Latitude in Saint-Tropez und 1962 das Mémorial des Martyrs de la Deportation in Paris.

Als Chefarchitekt für den Wiederaufbau Saarbrückens versuchte er von 1946 bis 1949 mit einem großzügigen Straßennetz und einer funktionsgerechten Bebauung, die Basis für eine zukünftige Metropole zu schaffen. Diese Pläne scheiterten. Bis 1961 auch für den Wiederaufbau Lothringens verantwortlich, hinterließ er dort Kirchen und Schulen, das Ortszentrum in Waldwisse, die Feuerwehrzentrale in Metz, Wohngebäude und städtebauliche Planungen. Bei aller Funktionalität und kostengünstigen Verwendung von Betonfertigteilen bemühte er sich durch zweiseitige Belichtung, durch überwölbte Gänge oder regionale Materialien, auch um die poetische Wirkung seiner in die Geländestruktur eingefügten Ensembles aus unterschiedlich proportionierten Baukörpern. Seine bedeutendste Kirche steht in Boust und ist wie das Kontextbeispiel St. Albert in Saarbrücken, auf die er sich ausdrücklich berief, ein Rundbau mit dem Altar im Zentrum. Es ist die erste Kirche dieser Art in Frankreich. Pingusson hatte sie dem Frieden und der Versöhnung beider Völker gewidmet. Auch die Ostschule in Saarbrücken oder das Beamtenwohnhaus im Stockenbruch stehen im Zusammenhang mit Pingussons lothringischen Projekten, die die konzeptionellen wie ästhetischen Verwandtschaften zwischen Architekten beider Länder aufzeigen.

Das großartigste Beispiel seiner Architekturvorstellung aber gelang ihm in Saarbrücken mit der ehemaligen Botschaft. Mit dem Bau hatte ihn Gilbert Grandval 1950 beauftragt.

Pingusson entwarf parallel zur damaligen Saaruferstraße ein langgestrecktes Ensemble aus unterschiedlich hohen Baukörpern, von einem Park umgeben. Die Hochhausscheibe der Verwaltung charakterisieren Pilotis und Dachterrasse. Der anschließende  Botschafterflügel verbindet mit der niedrigen Residenz, die sich über einen „Ehrenhof“ zur Straße öffnet, während die folgenden privaten Wohnräume sich um einen Gartenhof gruppieren. Trotz des rationalen Aufbaus schuf er durch die Proportionen von Baukörpern und Details, durch die harmonischen Verhältnisse zwischen vertikalen und horizontalen Strukturen, durch die rahmenden Muschelkalkplatten in Spannung versetzte, rhythmisch bewegte Fassade. Vor der gläsernen Hofwand der Residenz stehen achsensymmetrisch über zwei Geschosse führende Säulen und rahmen den Eingang.

Städtebauliche Wirksamkeit entfaltet heute allein der Verwaltungstrakt, der, vom Verkehr umtost, isoliert am Straßenrand steht und selten als schön empfunden wird, während alle anderen Teile des Ensembles nahezu unbekannt sind.

Beim Besuch der Ausstellung konnten die lichtdurchflutete Raumflucht der Empfangsräume erlebt, die hinaufführende repräsentativ-elegante Treppe erstiegen, die kostbare Wandgestaltung mit Marmorplatten und Lackfurnieren des Botschafterzimmers  bewundert werden. Das erhaltene Mobiliar, raffinierte, wohlüberlegte Einbauten in den ehemaligen Wohnräumen, den Zwecken entsprechende Fußbodenbeläge, Deckenkonstruktionen, Beleuchtungskörper, zeugen bis heute vom Geschmack der 1950er.

Minister Commerçon sprach sich eindeutig gegen einen Abriss aus und rief zum „Querdenken“ auf, um ein Sanierungskonzept zu finden, das der Bedeutung des Ensembles entspricht. Jetzt sind die Architekten herausgefordert.

Marlen Dittmann