Alexander Schwehm, Kim Ahrend; Foto: Anne-Christin Backes

DAB: Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass die Mindest- und Höchstsätze der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) gegen EU-Recht verstoßen. Wie geht es nun weiter?
Schwehm: Wir sollten dahin kommen, gemeinsam mit Bauherren für die HOAI zu kämpfen. Es gilt, im Team eine vernünftige Lösung zu finden. Das Ziel sollte sein, dass die jetzigen Honorartabellen als Richtlinien gelten.
Wir als Kammer werden uns zunächst darauf konzentrieren, mit den öffentlichen und halböffentlichen Auftraggebern eine adäquate Lösung für alle Beteiligten zu erarbeiten. Wenn nun der eine oder andere private Bauherr tatsächlich versucht, den Preis zu drücken und unbedingt einen „Billiganbieter“ haben möchte, sollten wir Architekten da nicht mitgehen. Der Bauherr muss sehen, was er für das Honorar bekommt. Wenn er nur „einen Appel und ein Ei“ bezahlt, kann er als Haus auch nur „einen Appel und ein Ei“ bekommen.
DAB: Sie setzen sich stark für die Einführung eines digitalen Bauantragsverfahrens ein. Ministerpräsident Tobias Hans möchte das Vorhaben in den nächsten Jahren umsetzen. Ist die AKS bei den nächsten Schritten beteiligt?
Schwehm: Die Zusammenarbeit mit der Staatskanzlei ist hervorragend. Es geht mit Riesenschritten voran und wir sind im Rahmen der gemeinsamen Arbeit der Lenkungsgruppe eng beteiligt. Der Regionalverband hat zudem die Initiative ergriffen und macht als Modell-Landkreis mit.
Ich habe das Gefühl, dass nun ganz Deutschland sich intensiv mit dem digitalen Bauantrag beschäftigt. Auch die Bundesarchitektenkammer widmet sich verstärkt dem Thema. Aber ich kann betonen: Wir arbeiten im Saarland ganz vorne mit.
DAB: Bau-Staatssekretär Christian Seel hat angeboten, dass die AKS ihm ihre Empfehlungen zur Änderung der Landesbauordnung (LBO) mitteilt. Um welche Änderungen geht es da?
Schwehm: Auf zwei unserer Änderungswünsche möchte ich vertieft eingehen.
Ein Wunsch, der in die LBO aufgenommen werden sollte, ist für komplizierte Bauvorhaben ein „Round-Table-Gespräch“ im Vorfeld des Genehmigungsverfahrens. Bauherr bzw. Architekt kann den Round-Table beantragen und die Genehmigungsbehörde hat dafür zu sorgen, dass die notwendigen Beteiligten an einen Tisch kommen. Das ist ein sehr wichtiges Instrument innerhalb der Leistungsphase 0, die Architekten ohnehin viel Zeit und Geld kostet. Ziel sollte sein, dass verbindlich geklärt wird, wie zu bauen ist. Das Ganze sollte entweder an die Gebäudeklasse oder an die Schwierigkeit des Bauvorhabens gekoppelt sein. Damit nicht für jede „Würstchenbude“ ein Round-Table einberufen wird. Es würden Gebühren erhoben, die später, wenn der Bauantrag gestellt wird, mit den normalen Baugebühren verrechnet werden.
Ich bin der Meinung, Prozesse müssen einfacher gestaltbar sein und die Kommunikation reibungsloser funktionieren. Dazu würde ein Round-Table-Gespräch einen wesentlichen Beitrag liefern. Zudem betreffen unsere Änderungswünsche die Personalisierung der Unteren Bauaufsichtsbehörden (UBAs). Diese müssten mit Fachkräften besetzt sein. Das heißt konkret, Architekten oder Stadtplaner sollten die Führungsstellen besetzen.
Die Änderung der LBO betrifft vor allem die UBAs, aber auch die Fachkräfte in den Führungspositionen aller Bauämter. Denn nur mit Fachkompetenz können wir auch Bauqualität und Baukultur schaffen. Bis die Änderung kommt, sucht die AKS den Dialog mit den Behörden, um für unsere Forderung zu sensibilisieren.

DAB: Haben Sie eine Idee, wie mehr Fachpersonal ins Land kommt?
Schwehm: Um mehr Fachpersonal im Saarland zu bekommen, schlage ich vor, an der htw saar einen Studiengang mit Städtebauvertiefung anzubieten. Die Studierenden haben sich zunächst auf Architektur konzentriert und anschließend
in Stadtplanung spezialisiert. Gerade für Stadtplanungsämter sind das die optimalen Fachkräfte.
Natürlich müssen dann auch die entsprechenden Stellen geschaffen werden. Damit die Planer, die im Saarland ausgebildet werden, auch hier bleiben.
DAB: Die Kluft zwischen ländlichem Raum und Städten wird immer größer. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Schwehm: Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat kürzlich gesagt, dass Städte nicht gegen den ländlichen Raum ausgespielt werden dürfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade viele junge Familien außerhalb der Stadt bauen wollen. Deswegen muss es dort die entsprechende Infrastruktur geben und sie muss gefördert werden. Das Land ist nicht so anonym wie die Stadt, die Nachbarschaft in der Regel von mehr sozialem Miteinander geprägt. Mit einer vernünftigen Bauentwicklung, das heißt einer sich ergänzenden Stadt- und Dorfentwicklungspolitik kann wieder mehr Zwischenmenschlichkeit entstehen. Denn das soziale Gefüge sowohl in der Stadt als auch auf dem Land sollte passen.
Es wäre eine große Chance, wenn der ländliche Raum mehr entwickelt wird. Die Städte wären nicht so voll und würden entlastet. Dies lässt sich zum Beispiel erreichen, wenn auch auf dem Land geförderter Wohnungsbau angesiedelt
wird, Leerstände genutzt werden oder der öffentliche Personennahverkehr besser ausgebaut wird. Eine große Rolle spielt die Digitalisierung. Homeoffice für Arbeitnehmer, die Ansiedlung von Firmen, die digital mit der ganzen Welt oder der Werkstatt im nächsten Gewerbegebiet kommunizieren. Diese Modelle würden unsere Städte verkehrstechnisch entlasten, da Pendler wegfielen und mit ihnen Parkplätze und Straßen. Die Qualität in der Stadt würde besser und durchmischter werden.
DAB: Was kann Ihrer Meinung nach das Land tun? Ich denke dabei an Städtebau- und Wohnraumförderung.
Schwehm: Ein Wunsch von mir ist es, dass ministeriumsübergreifend besser zusammengearbeitet wird. Städtebau- und Wohnraumförderung müssen unbedingt zusammenlaufen. Bauen, Verkehr, Umwelt ergänzen sich bereits gut, aber es muss besser werden. Und Prozesse müssen gesteuert werden. Diese Aufgabe kann nur ein eigenständiges Bauministerium übernehmen. Oder zumindest ein Staatssekretär, der nur fürs Bauen zuständig ist, mit eigener Administration.
DAB: Vielen Dank, Herr Schwehm.

Interview: Kim Ahrend