Werner Neuwirth, Foto: Iris Maurer

Er denkt scheinbar immer über Räume nach. Auch wenn er mit dem Zug nach Saarbrücken fährt, beschäftigt ihn dieser Gedanke - in diesem Fall Sitzplätze, Reservierungen - eben den zur Verfügung stehenden Raum, den man ihm auch streitig machen könnte, wenn jemand anderes ihn gebucht hätte.

Was wäre, wenn Häuser vom Himmel fielen, einfach so dalägen, ungeordnet, beliebig? Würde der Mensch sie benutzen, sie sich aneignen, hinnehmen, dass sie so sind, wie sie sind? Missmutig damit umgehen, sie adaptieren, einrichten und - sich doch wohlfühlen? Philosophische Gedanken über das Entwickeln und Entwerfen von Wohnräumen teilt der Wiener Architekt Werner Neuwirth in seinem Vortrag „Zufall und Fügung“ im VHS-Zentrum am Saarbrücker Schloss mit den Zuhörern. Stellt Fragen über Schuld und Unschuld beim Prozess des Entwerfens, den Zwang zum Funktionieren, weil man Sehnsüchte und Wünsche, Vorgaben und Gewohnheiten festlegt und sie in die Planung als Dogma aufnimmt.

„Wenn man sich mit Problemen beschäftigt, bedeutet das noch lange nicht, eine Lösung zu finden“, sagt Neuwirth. Seit der Industrialisierung und der Organisation des alltäglichen Lebens in „Wohnen“ und „Arbeiten“ habe sich die Vorstellung von dem, wie man sich in Räumen aufhält, mehr und mehr eingeengt verfestigt, sagt er. Neuwirth, der über das Studium der Malerei zur Baukunst gefunden hat, stellt die effiziente Zonierung von Funktionen wie Wohnen, Arbeiten oder Kochen in Frage: „Soll die Idee vom ,Leben‘ als eindeutig beschreibbarer und bezeichenbarer Lebensprozess und Lebensraum, vergesellschaftet in Normen und Standards, gefördert und verordnet, so weitergedacht werden? Ist nur eine noch feinere Differenzierung funktionaler Prinzipien auch auf alle psychologischen und ethnologischen Aspekte nötig, oder ist die Idee der Funktion ein Irrtum?“ Fragen über Fragen stellt Neuwirth in seinem Vortrag, regt zum Nachdenken an, bietet Lösungen. Ist es richtig, sich beim Planen nach Statistiken, Normen und Mehrheiten zu richten? Er zeigt Beispiele, etwa Türen und Treppen historischer Gebäude. „Was über Jahrhunderte gebaut ist - da steckt soviel Substanz drin“, sagt er.

Die Wohnbauten von Werner Neuwirth haben ein komplexes Innenleben mit einer Vielzahl an Wohnvarianten, unterschiedlichen Raumhöhen. Solche Räume, jenseits verordneter Normen, veranschaulichte Neuwirth mit Bildern. Er zeigt das Ensemble „PAN Interkulturelles Wohnen“ in Wien, ein Wohnbauprojekt am Nordbahnhof, das er gemeinsam mit Ballmoos Krucker Architekten (Zürich) und Sergison Bates Architects (London) gebaut hat.